Top of Mind wird Top of Machine – und die reale Welt kehrt zurück
Hier ist das Paradox: Während Marken in der Einzelmeister-Falle stecken und von Kampagne zu Kampagne springen, entsteht gerade eine neue Marketing-Disziplin, die genau das Gegenteil braucht – langfristige, konsistente, maschinenlesbare Markenkerne.
Kim Notz
12. Januar 2025
Generative Engine Optimization (GEO) heißt das Zauberwort. SEO- und Digitalagenturen integrieren GEO bereits in ihr Portfolio. Ihr Geschäft: Marken so aufbereiten, dass KI-Assistenten sie verstehen, filtern und empfehlen können. Denn bis 2030 werden ChatGPT, Perplexity und Co. zu Gatekeepern zwischen Menschen und Marken. „Top of Mind“ wird zu „Top of Machine“, wie diffferent und Syzygy es in ihrem Whitepaper „Marketing 2030“ nennen.
Gleichzeitig erleben wir eine Renaissance des Analogen. Nicht als Nostalgie, sondern als strategische Notwendigkeit. Die Hälfte aller Menschen rationiert bereits aktiv ihre Bildschirmzeit, Pop-Up-Stores werden zu multisensorischen Installationen, Premium-Marken investieren massiv in haptische Erlebnisse. Die reale Welt wird zur letzten kreativen Bühne, weil die digitale Welt durch KI-zu-KI-Kommunikation ihre Überraschungskraft verliert.
Marken müssen also zwei komplett gegensätzliche Welten gleichzeitig bespielen: maschinenlesbar für KI-Agenten, menschlich überraschend für echte Begegnungen. Das ist die neue Meisterklasse.
Wenn dein Markenkern maschinenlesbar sein muss
Stellt euch vor: 2030 googelt niemand mehr „beste Laufschuhe für Marathon“. Stattdessen sagt jemand zu seinem KI-Assistenten: „Ich trainiere für meinen ersten Marathon, Budget 200 Euro, ich habe eine Überpronation.“ Der KI-Agent kennt die Laufhistorie aus der Smartwatch, weiß um vergangene Verletzungen, vergleicht Produktdaten, liest Rezensionen – und empfiehlt drei Modelle.
Die entscheidende Frage: Ist deine Marke dabei? Oder hat der KI-Agent sie gar nicht erst auf dem Schirm?
Das ist keine Science-Fiction. Die Entwicklung läuft bereits. ChatGPT, Perplexity, Google AI Overviews – sie alle ändern fundamental, wie Menschen Informationen suchen und Entscheidungen treffen. Und damit entsteht eine neue Marketing-Disziplin: Generative Engine Optimization (GEO).
Während klassische SEO darauf abzielt, in Suchmaschinen-Rankings zu erscheinen, geht GEO einen Schritt weiter: Inhalte so aufbereiten, dass KI-Systeme sie verstehen, semantisch zuordnen und in ihren Antworten verwenden. Das bedeutet:
- Strukturierte Produktdaten statt blumiger Marketing-Texte
- Eindeutige Begriffe statt kreative Wortspiele, die nur Menschen verstehen
- Konsistente Narrative über alle Touchpoints hinweg
- Hochwertige, vertrauenswürdige Quellen – denn KI-Systeme gleichen Markenversprechen mit echtem Feedback ab
Und hier schließt sich der Kreis zu Newsletter #8: Gerade jetzt, wo Marken von Projekt zu Projekt springen und in der Einzelmeister-Falle stecken, werden langfristige strategische Frameworks für KI-Systeme wichtiger denn je. Ein KI-Agent kann mit „Dieses Jahr sind wir emotional, nächstes Jahr rational“ nichts anfangen. Er braucht Konsistenz, um eine Marke überhaupt zu verstehen und weiterzuempfehlen.
Die Content-Renaissance: Hier wird es richtig spannend. Während die letzten Jahre von „Content at Scale“ geprägt waren, dreht sich das Spiel jetzt um. KI-Systeme gleichen Markenversprechen mit echtem Feedback ab – wer auf Reddit nicht besteht, hat beim KI-Assistenten keine Chance. Thought Leadership wird wieder wichtig. Wertvoller, substanzieller Content kehrt zurück.
Agent Experience: Die neue Disziplin
Aber GEO ist nur die halbe Miete. Es gibt einen Begriff, den die Marketingwelt gerade erst zu verstehen beginnt: Agent Experience (AX).
Während bisher User Experience (UX) im Mittelpunkt stand – also wie gut Menschen mit einer Marke interagieren können – verschiebt sich der Fokus: Wie gut können KI-Agenten mit deiner Marke interagieren?
Das ist keine theoretische Spielerei. Konkret bedeutet das:
- Sind deine Produktdaten über APIs für KI-Systeme abrufbar?
- Hast du offene Schnittstellen, über die KI-Agenten Verfügbarkeiten checken oder Bestellungen aufgeben können?
- Sind deine Informationen so strukturiert, dass ein KI-Agent sie semantisch versteht und richtig zuordnet?
- Kannst du einen „Branded AI Agent“ aufsetzen – einen digitalen Repräsentanten deiner Marke, der mit den persönlichen Assistenten deiner Kunden spricht?
2030 wird nicht User Experience, sondern Agent Experience zum Differentiator. Marketing wird, wie es im Whitepaper heißt, „nicht lauter, sondern technischer“. Das ist keine Dystopie – das ist die logische Konsequenz davon, dass KI-Agenten zur Schnittstelle zwischen Menschen und Marken werden.
Die reale Welt als letzte kreative Bühne – ein kulturelles Statement
Ein zweiter, zentraler Gedanke des Whitepapers: Während KI-Agenten die digitale Sphäre übernehmen, gewinnt das Physische an Bedeutung.
Der Mechanismus dahinter: Wenn die digitale Welt durch KI-Agenten kuratiert wird, wenn KI-Agent mit KI-Agent spricht, wenn Texte bot-generiert sind – dann betäubt uns diese Sphäre. Es entsteht eine „schleichende Übersättigung“, so die These des Whitepapers. Die digitale Welt verliert ihre Überraschungskraft.
Die reale Welt wird zum einzigen Ort, wo Marken noch wirklich überraschen können. Nicht als Retro-Romantik, sondern als kulturelles Statement gegen digitale Betäubung. Und genau deshalb investieren smarte Marken jetzt massiv in physische Erlebnisse:
- Analog Experiences: Dentsu Creative identifiziert in ihrem Trend-Report für 2026 „Analog Futures“ als einen der fünf Haupttrends. 45% der Gen Z sagen, die Online-Welt sei so stressig, dass sie abschalten wollen. Die Hälfte aller Befragten rationiert aktiv ihre Bildschirmzeit.
- Haptische Premium-Erlebnisse: Sephora baut alle 700+ Stores in Nordamerika um – das größte Projekt ihrer Geschichte. Zara-Mutter Inditex plant 5% Flächenwachstum 2025-2026 bei 1,8 Mrd. € Investitionen. Der physische Raum hat einen Wert, den die digitale Welt nicht bieten kann.
- Pop-Up-Stores werden zum Massenphänomen: Lululemon inszeniert seine Glow Up Collection in einem immersiven Fitness-Pop-Up mit Celebrity-Klassen, Pink Floyd öffnet zum 50. Album-Jubiläum gleichzeitig Pop-Ups in sechs Metropolen von London bis Mailand. Der globale Markt erreicht 2025 ein Volumen von 95 Milliarden Dollar. Die Message: Wir sind nicht in jeder Mall, aber wenn wir da sind, ist es ein Event.
Der tiefere Grund: Wir sind biologische Wesen. Berührung ist unser erster Kommunikationssinn als Kind. Physische Reize werden in Kombination mit visuellen Eindrücken intensiver wahrgenommen und sprechen die Gehirnareale an, die für emotionale Verknüpfungen zuständig sind.
Die neue Meisterklasse: Beides können
Hier ist die eigentliche Herausforderung: Marken müssen 2030 beidhändig sein. Der KI-Agent braucht ein klares, konsistentes Framework, um die Marke zu verstehen und zu empfehlen. Aber wenn der Mensch dann tatsächlich mit der Marke interagiert – im Store, beim Event, in der realen Welt –, muss es überraschen, berühren, begeistern.
Die Zukunft gehört den Marken, die verstehen: Top of Mind wird Top of Machine. Aber Top of Heart bleibt analog.